Alfred Jarry (1873 – 1907)

Die Tage und die Nächte
Les jours et les nuits

Roman eines Deserteurs
Roman d’un déserteur

Sebastian Baur
liest aus seiner Übersetzung

Am 18. Mai 1897 gelangt ein schmales Buch an die Öffentlichkeit. Es erscheint unter dem Titel „Les jours et les nuits. Roman d’un déserteur“ in der literarischen Zeitschrift „Mercure de France“ in Paris. Ein sonderbares Buch. Die Leserschaft, gering an Zahl, reagiert erstaunt und verstört. Die Befindlichkeit des Protagonisten Sengle, eines Grenzgängers zwischen Traum und Wachen, ist von Jarry in einer luziden – Freud und C. G. Jung vorgreifenden – Psychologie dargestellt.

Dieser in der Erzählmethode ungewöhnliche Roman vereinigt verschiedene Lesemodelle in sich:

Auf der autobiographischen Folie seines Militärdienstes, die den Hintergrund für eine vernichtende Kritik am Militärwesen abgibt, entwickelt der Autor die narrative Ebene des Romans, die in den listenreichen Fluchtversuchen des Helden Sengle vor dem Militärdienst besteht. Die Geschichte der Beziehung zwischen Sengle und seinem Alter Ego Valens bildet den Kern des Textes.

Der Roman beschreibt den Versuch der Individuation des Helden Sengle, die letztlich scheitert, da es ihm nicht gelingt, sich von seinem autoerotisch besetzten Spiegel- und Wunschbild Valens abzulösen; der Versuch, sich als eigenständiges Wesen zu etablieren, misslingt, der Held muss scheitern, sein Ich verpuffen.

Bei unübersehbaren Korrespondenzen zu Jarrys Person und Biographie ist der Text kein bloßes Dokument des Leidensdrucks, er darf daher auch nicht als autotherapeutisches Unterfangen gesehen werden, sondern als beeindruckende literarische Gestaltung der Klitterung des Helden-Ichs. Ein so disparater, zerrissener, fragmentierter, sich sehnlichst zusammenfügen wollender, Einheit und Selbständigkeit heischender Romanheld ist typisch für die vom Narzissmus geprägte Ästhetik des Symbolismus. Der ironisch-augenzwinkernde Blickwinkel aber, aus welchem der Autor das Scheitern der Selbstsuche seines Helden betrachtet, lässt den Text über den Symbolismus hinaus in die Moderne hereinragen.

Somit steht „Les jours et les nuits“ an der Schwelle einer Zeit, da das naturwissenschaftliche Weltbild des alten Jahrhunderts dem geisteswissenschaftlichen der neuen Zeit zu weichen beginnt. Das Behaupten dieser Nahtstelle verleiht dem „Roman eines Deserteurs“ seinen einzigartigen Reiz.

Wolfgang Sebastian Baur